Absurder Pestizidprozess in Südtirol

Absurder Pestizidprozess in Südtirol

Im foodhunter Magazin Nr. 11 (2012) kritisierten wir erstmals die Region Vinschgau wegen ihres Pestizid-Einsatzes beim Apfelanbau, denn wir waren geschockt, als wir bei einem Spaziergang durch die scheinbar idyllischen Apfelplantagen Fässer mit Pestiziden entdeckten und einem stinkenden Sprühnebel ausweichen musste. Damals begnügte man sich uns mitzuteilen, dass die Verantwortlichen gar nicht „amused” gewesen seien, Derartiges zu lesen. – Der Film „Wunder von Mais” von Alexander Schiebel und die Kampagne „Pestizidtirol” vom Umweltinstitut München (Karl Bär) hingegen waren den Verantwortlichen ein solcher Dorn im Auge, dass sie Klage einreichten. 

 

Von Sabine Ruhland, Foto oben Apfel, alte Sorte ohne Pestizide …

 

Deshalb mussten Filmemacher Alexander Schiebel und Karl Bär, Referent für Agrarpolitik Umweltinstitut München kürzlich vor dem Landesgericht in Bozen erscheinen. Der Vorwurf gegen beide lautete „üble Nachrede“ gegenüber der Südtiroler Bauernschaft, weil sie den hohen Pestizid-Einsatz im Südtiroler Apfelanbau kritisiert hatten.  Alexander mit seinem Film und Buch „Das Wunder von Mals“ und Karl Bär mit der Kampagne „Pestizidtirol“ von 2017, mit der die Tourismuswerbung der Urlaubsregion aufs Korn genommen wurde,. Angezeigt hatten der Südtiroler Landesrat für Landwirtschaft Arnold Schuler und 1376 Landwirte.

Kritik ist keine üble Nachrede!
Kluger Richterspruch – Freispruch für Alexander Schiebel

 

Kritik am hohen Pestizideinsatz im Südtiroler Obstbau sei kein Verbrechen, auch nicht in Südtirol, lautet das Urteil, das gleichzeitig Landesrat Arnold Schuler in die Schranken weist, der diese Prozesse n die Wege geleitet hatte. Der Richter sah den Tatbestand der üblen Nachrede nicht für gegeben und sprach Alexander Schiebel frei!

Für Karl Bär geht es in die nächste Runde, denn das Verfahren gegen ihn läuft noch. Er muss belegen, dass das Pestizid-Problem in Südtirol real ist. „Vor mir dürfte noch ein langer Gerichtsprozess liegen. Doch sind ich und meine Kolleg:innen beim Umweltinstitut zuversichtlicher denn je, dass auch mein Verfahren ein gutes Ende nehmen wird. Die Wahrheit über Pestizide zu sagen, ist kein Verbrechen.”

 

foodhunter-Tipp: Liebes Südtirol, Vinschgau, nehmt euch doch einfach mal die deutsche Agrarwirtschaft zur Brust, da ist nämlich auch einiges im Argen.

 

 

foodhunters Einleitung für eine Reportage 2012: Äpfel so weit das Auge reicht. Ein schöner Anblick, denn die Früchte blitzen wie bunte Tupfen in rot, gelb und grün zwischen den Bäumen hervor. Vögel zwitschern, in den Hecken am Wegesrand raschelt es. Ein paradiesischer Apfelgarten. Doch das „größte zusammenhängende Apfelanbaugebiet Europas“, wie sich der Vinschgau selbst am liebsten sieht, wirft lange Schatten ins Tal. Die Monokultur verdrängt alles andere und benötigt zudem ein Höchstmaß an Düngemittelverbrauch, denn durchschnittlich spritzt ein konventioneller Apfelbauer 20-30 Mal im Jahr. Also haben wir uns aufgemacht, den wahren Reichtum des Landstrichs zu erkunden, haben Landwirte, Bäcker, Köche, und Produzenten gefunden, die auf einen stimmigen Kreislauf der Natur setzen. Dafür müssen sie oft harsche Kritik einstecken, doch nur der Weg der Vielfalt und des bewussten Umgehens mit Ressourcen ist zukunftsweisend. Als wir abgereisten, war unsere Kühltasche prall gefüllt: mit Käse, Speck, frischem Kümmel, Ur-Paarl, Bio-Kräutern, eingelegten Marillen, Marmelade, Alpenrosen- und Kastanienhonig, Weinen und Destillaten. Nur eines war nicht dabei: Äpfel.