Forelle grün. Alte Salatsorten, entdeckt auf dem Berliner Wochenmarkt

Forelle grün. Alte Salatsorten, entdeckt auf dem Berliner Wochenmarkt

Frank Wesemann sitzt am Steuer seines Kleinbusses und genießt den Morgen. Im Heck liegen saftige Salatköpfe vergessener Sorten: Goldforelle, Forellenschuss, Rehzunge…  Während die Großstädter sich noch einmal im Bett umdrehen, freut sich Wesemann schon auf den Markttag in Berlin Friedrichshain. Jeden Samstag von 8-14.30 Uhr. Kenner sagen: der schönste Wochenmarkt Berlins! 

Autor Oliver Zelt 

Wenig später packt der Brandenburger Bauer seine  Salate an seinem Stand am Boxhagener Platz aus. Dann liegen auf den Holzbrettern die Goldforelle neben dem Forellenschuss, begleitet von der Rehzunge. Seine Kunden aus der Stadt schwärmen von der „optischen Schönheit“ der  Salate. Auf dem Land sorgen sich dagegen manche Nachbarn, ob Wesemanns Ware nicht doch „eine Krankheit hat“. Selbst auf dem Dorf dümpelt die Gabe der vergangenen Generationen vor sich hin.

Während heute im Supermarkt gerade noch der wässrige Eisbergsalat, der gemeine Kopfsalat mit der exotisch wirkende  Lollo Rosso um die Gunst der Kunden buhlen, hätten die Hausfrauen in der Gründerzeit über das Angebot nur mitleidig gelächelt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchsen in der Krume der Kleinbauern 50 verschiedene Sorten Salat.

Die alten Sorten verschwanden, weil große Konzerne den Markt der Sämereien beherrschen. Die Agrarindustrie will „schnell wachsende, homogene, robuste und transportfähige Salatköpfe“, weiß Wesemann. Gewächse, die sich für Massenanbau und die Maschinenernte eignen. Alles andere haben die Fachleute gnadenlos weggezüchtet.

Wesemann, alte Salatsorten, Foto Foodhunter

Heute gedeiht 95 Kilometer nordwestlich von Berlin auf seinen Feldern  das Wissen der Vergangenheit. Früher, weiß Wesemann, hatte  jede Gegend ihre eigenen Sorten. Doch diese Erfahrung der Bauern sei „teilweise nicht mehr da“. Pflanzen würden „schwächeln, wenn die Saat sonst woher kommt“, ist sich der Landwirt sicher. Deshalb setzt er auf samenfeste Sorten, Kraut und Kohl, deren Samen im nächsten Jahr wieder dasselbe Kraut und denselben Kohl aus der Erde keimen lassen. Die „Pflanzen bekommen einen Bezug zur Gegend. Etwa so wie Einheimische früher oder später sich wieder nach ihrem Geburtsort sehnen.”

„Omas Pflanzen für den Wochenmarkt“ war 2007 der Durchbruch für Wesemanns Salatarche

Dem „Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen in Brandenburg“ gehört Frank Wesemann an. Zusammen mit dem Verein wollte das Institut für Gartenwissenschaften (Humboldt-Universität in Berlin) testen, welche Sorten, deren Samen Wissenschaftler und Hobbygärtner hüten, noch für den Anbau taugen.  Das Projekt nannte man „Wiedereinführung historischer Salatsorten zur regionalen Vermarktung“. Anders gesagt „Omas Pflanzen für den Wochenmarkt“, es war 2007 der endgültige Durchbruch für Wesemanns Salatarche.

Schon früher baute Wesemann alte Sorten, wie den Romanasalat „Wiener Maidivi“ oder den zarten „Hohlblättrigen Butter“ an. Daneben gedeihen auf dem Acker nun die dunkelgrüne, sternförmige „Rehzunge“, der großköpfige „Gigant“, der nicht ganz so gewaltige „Frühlingsgruß“ und die grün-gold gesprenkelte „Goldforelle“. Ein Salat, der oft nur eine Rosette und keinen ganzen Kopf bildet.

Frank Wesemann und seine vergessenen Salatsorten finden Sie jeden Samstag (8-14.30 Uhr) auf dem Wochenmarkt Boxhagener Platz in Berlin Friedrichshain. www.boxhagenerplatz.org

Wesemann, alte Salatsorten, Foto Foodhunter