Honig aus dem Englischen Garten

Honig aus dem Englischen Garten

In der Nacht hatte es geregnet. Erfrischende Kühle zieht von der Isar herauf. Unsere Schritte hallen einsam unter dem Dach der Holzbrücke, hinter der sich Münchens verwunschener Bienengarten verbirgt, das Schledererheim. Von Spaziergängern meist unbemerkt und wenn doch, dann häufig als „Schrebergarten“ abgetan. Weit gefehlt, denn hier, mitten im Englischen Garten, haben Imker ein Paradies gefunden um das sie von ihren Kollegen auf dem Lande beneidet werden. Honig aus dem Englischen Garten ist ein Geheimtipp! 

 

Autor Sabine Ruhland, Fotos ©foodhunter

 

Der sommerliche Morgen ist auch die schönste Zeit für Adi Stauß. Ihm gehört eine der 18 Imkerparzellen, die im Schledererheim angesiedelt sind, jenem Bienengarten, der 1922 vom Apotheker Schlederer gegründet wurde. Dann setzt sich der passionierte Imker auf den Holzschemel vor den Bienenbehausungen, im Fachjargon Beute genannt, und genießt das Summen seiner Bienen. Schwer beladen kommen sie an, den Honigmagen voll mit Nektar, oft kleine gelbe Ballen an den Beinen – Pollen, Nahrung für die Brut. Landen scheinbar unbeholfen am Flugloch. Plopp. Plopp. Die Bienen ‚tragen ein’ heißt das beim Imker. „Heute kommen sie aus Westen, da müssen die Lindenbäume dort hinten viele Blüten haben.“

 

Englischer Garten, Foto Foodhunter

 

Dass die Bienen so blütenstetig ihr Ziel anfliegen, verdanken sie den Spurbienen, die in den frühen Morgenstunden aufbrechen, um die besten Nektargründe zu erspähen. „Deshalb schmeckt auch kein Honig gleich“, sagt Adi Stauß, „nicht einmal der von einem Volk.“ Er selbst hat 10 Völker – jedes rund 50.000 Bienen stark – und die pflegt er mit Hingabe. Das tun nicht alle. Manche lassen den Bienen freien Lauf, was bedeutet, dass neue Königinnen herangefüttert werden, das Volk teilweise ausschwärmt und sich andere Plätze sucht.

 

 „Würde jeder Landwirt einen Saumstreifen von nur einem Meter Breite um seinen Acker lassen, wäre schon viel geholfen.“

 

Adi Stauß zieht den weißen Overall an, schützt Gesicht und Kopf mit der Imkerhaube. Statt Smoker wählt er den Rauchbläser, der an eine Pfeife erinnert, aber mit Tabakfreuden wenig gemeinsam hat. Der Rauch macht den Bienen Angst, sie fliegen nach unten, beruhigen sich dann wieder schnell. „Bienen sind im Grunde harmlos. Dennoch können sie aggressiv werden, denn sie unterliegen Stimmungsschwankungen. Das kann mit der Lufttemperatur zu tun haben oder auch daran, wie viel Nektar sie finden.“

Im Englischen Garten finden sie reichlich Nektar, denn Chemie wird keine versprüht und viele Blumenwiesen bleiben ungemäht. Imker auf dem Land können von derartig gedeckten Tischen für ihre Bienen nur träumen. „Würde jeder Landwirt einen Saumstreifen von nur einem Meter Breite um seinen Acker lassen, wäre schon viel geholfen“, sagt Adi. Neben mangelnden Wiesen sind Pestizide ein Todfeind.
„Bienen merken nicht, dass sie sich vergiften. Sie sammeln den Nektar und der Imker macht daraus den Honig. Alles, was die Bienen aufnehmen, landet letztlich auch im menschlichen Körper. Vor allem Honig aus China ist oftmals so schwer belastet, dass er in Deutschland gar nicht auf den Markt kommt.“ Schützen können sich Verbraucher, indem sie auf das Qualitätssiegel des deutschen Imkerbundes achten.

 

Bienen, Foto Foodhunter, Sabine Ruhland

 

Adi Stauß lüpft er den Deckel zum Honigraum, das ist der oberer Teil der Beute, von den fleißigen Bienen abgeklebt mit Propolis, einer klebrigen Substanz, welche die Waben und den Bienenstock gegen eindringende Krankheiten und Seuchen schützt. Bemerkenswert ist: je höher die Außentemperatur, desto mehr Propolis produzieren die Bienen. Woher sie wissen, dass Hitze eventuelle Krankheiten beschleunigt, ist nicht erforscht.

Wabenrahmen für Wabenrahmen nimmt der Imker heraus, kehrt die Bienen, die sich in flirrenden Trauben darauf tummeln, vorsichtig mit einem weichen Besen ab, sieht nach, wie viel Honig in den Waben enthalten ist, ob er eventuell einen weiteren Aufsatz braucht. „Wir ernten Honig nur aus unbebrüteten Waben, weshalb der Honigraum bei uns halb so hoch ist wie der Brutraum.“ Bereits ‚verdeckelte’ Waben sind Futtervorrat für die Bienen im Winter, die lässt Adi Stauß seinen fleißigen Tierchen.

 

Liebesorgien in den Lüften – die Drohnen lassen nach dem Akt ihr Leben

 

Auf einigen Rahmen sind geplante Ausbruchversuche erkennbar: Weiselzellen, wesentlich größer, Platz für neue Königinnen. Sie entstehen im Verlauf des Schwarmtriebs oder als Nachschaffungszellen, wenn die Legeleistung der Königin nachlässt. Ein kurzer Ruck mit dem Schaber genügt. Zelle beseitigt. Ohne dieses ‚Aufbrechen’ würde das in die Zelle gelegte, befruchtete Ei als Made von den Ammenbienen mit dem sagenhaften Gelée Royale gefüttert und sich so zu einer Königin entwickeln. Sind die Maden schlupfreif, verlässt die alte Königin mit etwa der Hälfte ihres Bienenvolkes den Stock, um sich eine neue Bleibe zu suchen.

Die neue Königin wird diejenige, die als Erste aus ihrer Zelle schlüpft. Denn sie tötet sofort nach dem Schlüpfen alle weiteren königlichen Schwestern mit ihrem Giftstachel ab. Hat sie ihre Position gesichert, muss sie für Nachwuchs sorgen.

 

Bienen, Foto Foodhunter (1)

 

Drohnen aus dem eigenen Stock kommen wegen der nahen Verwandtschaft für die Paarung nicht in Frage; also entfernt sie sich auf ihrem Hochzeitsflug im Spätsommer oft kilometerweit von ihrem Stock. Es gibt regelrechte Paarungstreffpunkte hoch oben in den Lüften, an denen alljährlich die Drohnen aus den Bienenstöcken der Umgebung auf die jungen Königinnen warten. Mit einem speziellen Lockstoff macht eine Königin auf sich aufmerksam und paart sich zigmal mit verschiedenen Drohnen.

Für die Königin der Beginn einer langen Zeit des Eierlegens, denn die auf dem Hochzeitsflug eingesammelten Spermien, bis zu sieben Millionen, reichen für drei bis vier Jahre. Den Drohnen dagegen bringt der Hochzeitsflug den Tod: sie sterben nach der Übergabe der Spermien. Alle anderen droht das spätestens im Herbst das gleiche Schicksal, dann werden sie als überflüssige Esser aus dem Stock geworfen und verhungern   innerhalb kurzer Zeit. Mit dem reduzierten Personal richten sich Königin und Hofstaat auf die Winterpause ein. Nicht einfach, denn Feinde lauern überall. „Bienen sind nicht nur Leibspeise der Meisen, auch Wespenhorden machen sich im Herbst daran, die Bienenstöcke zu erobern. Sobald die Linde aufhört zu blühen kommt zudem der Futterneid unter den Völkern auf“, erklärt der Imker. „Dann wird geräubert. Bienen töten andere Bienen, um an deren Honig zu gelangen.“

 

Honig beinhaltet weit über 125 Wirkstoffe

 

Die Gier nach Honig kommt nicht von ungefähr. Honig beinhaltet weit über 125 Wirkstoffe und besteht aus natürlicher Fructose, Glukose, Saccharose, beinhaltet zahlreiche Enzyme, Mineralstoffe, Spurenelemente, Vitamine und Fermente. Seit jeher ist die keimtötende, antibakterielle, heilende Wirkung des Honigs in der Volksmedizin bekannt. – Weshalb die Bienenzucht und Gewinnung des Honigs zu den ältesten Kulturgütern der Menschheit zählt. Im Gegensatz zum Produkten aus Fleisch, Milch, Fett, kann das Naturerzeugnis Honig auch bei jahrelanger Aufbewahrung nicht verderben.

Den geernteten Honig schleudert Adi Strauß in seinem Holzhäuschen und manchmal können Spaziergänger das Surren der Maschinen hören. Dann ist er da, freut sich über ein lautes Rufen oder Klingeln und verkauft seinen Honig „über den Zaun“.  Honig aus dem Englischen Garten – einkaufen der anderen Art.