Insekten essen – mehr Fun als Pleasure

Insekten essen - mehr Fun als Pleasure

Zum “Fun Fine Dining” luden die Schweizer in die Münchner Lounge-Bar Kopper. Auf dem Speiseplan: Insekten. Grillen, Mehlwürmer, Heuschrecken. Die Krabbeltierchen sind in der Schweiz bereits auf dem Vormarsch, in der EU  lebensmittelrechtlich nicht erlaubt, in Deutschland und Österreich geduldet. Es ist also an der Zeit, Lust auf die kommende Esskultur zu machen. Dass sie kommen wird, davon ist Christian Bärtsch vom “Insekten-Start-up” Essento überzeugt. 

 

Autor Sabine Ruhland, Fotos ©foodhunter

 

Eine Scheu oder einen Ekel haben wir nicht als wir der ersten Heuschrecken ansichtig werden, die frisch geröstet aus dem Ofen kommen. Wir sind vielmehr gespannt, ob es tatsächlich dieser angebliche Geschmack von Haselnuss sein wird, den sie unserem Gaumen bescheren werden.

 

Christian Bärtsch und sein Lieblingssnack: Heuschrecken, frisch geröstet aus dem Ofen

 

Auch die Grillen und Mehlwürmer, schön geröstet, erregen keinen Widerwillen. Schon gar nicht angesichts des sympathischen Catering-Teams Pfefferbeere – sorry, für das Wort Catering, die beiden kreieren vielmehr Foodstories – die für die Gerichte verantwortlich zeichnen und fürs Publikum die Insekten kunstvoll verpacken und drapieren.

Da werden Grillen zusammen mit einem Erbsen-Minze-Mousse in hauchdünn geschnittene Kohlrabi-Ravioli gesteckt und in Begleitung eines knallroten Beeren-Coulis spektakulär auf waberndem Trockeneis serviert.

Da verwandeln sich Mehlwürmer in essbare Erde, drehen sich Heuschrecken am Spieß und verstecken sich Mehlwürmer im abschließenden Schokoladen Cranache. Bei der Optik liegt die Messlatte hoch, um Insekten als neues Lebensmittel gekonnt in Szene zu setzen.

Auch das Kochbuch von Christian Bärtsch “grillen, heuschrecken & co” zeigt sich modern, mit der angesagt anregenden Foodfotografie und scheinbar alltagstauglichen Rezepten à la Gazpacho mit Basilikumgrillen, Heuschrecken in Bierteig oder Kokos-Grillen-Gemüsepfanne.

 

Profis in Sachen Insektenküche: Karin Haase und Gallus Knechtle von Pfefferbeere. Zaubern können sie allerdings nicht. Der Grundgeschmack von Grille & Co geht gegen Null.

Wo kein Geschmack, da muss ein großer Auftritt her, viel Schminke und viel Tamtam.

 

Insekten besitzen keinerlei Fleisch oder eine Konsistenz, die dem Gaumen schmeichelnd. Die Dinger sind klein, hart und im Grunde völlig geschmacksneutral.

 

Weder bei uns noch bei unseren Tischnachbarn kommt Freude auf. Die Mehlwurmsuppe präsentiert sich als ein eher schlammfarbenes Wasser – eine Assoziation, derer wir uns auch im Mund nicht erwehren können. Aus Mehlwürmern ist anscheinende geschmacklich nicht mehr rauszuholen. Die beigefügte Mehlwurm-Erde ist ein staubiges Gebrösel, das nur in Kombination mit dem Balsamico Perlen und der Brunnenkresse genießbar ist.

Die Kohlrabi-Ravioli sind erfrischend und gut, aber das wären sie auch ohne die Grille im Inneren gewesen. Die Heuschrecken am Spieß, trotz einer Marinade einfach nur hart, denn es ist ja nichts dran an diesem “sechsbeinigen Geflügel”. Auch die Kür der Schweizer: Schokoladen-Canache und Krokant-Glacé hätte unserem Gaumen ohne die üppige Larvenzugabe weitaus mehr geschmeichelt.

Kurzum – ohne großes, aromenreiches Tamtam drumherum geht es nicht und selbst dann bleibt ein ganz großes Fragezeichen bezüglich Geschmack.

 

Mehlwürmer gegrillt – schenken in der Tat nur einen leicht mehligen Geschmack.

 

Klingt nach strenger Kritik? Das soll es sein – vor allem uns Verbrauchern gegenüber.

 

Wir müssen damit aufhören zu glauben, es würde immer einen adäquaten Ersatz für verschwendete Ressourcen geben. Warum krampfhaft nach neuen Nahrungsmitteln suchen,  uns mit Astronauten-Food und Insekten auseinandersetzen statt mit Bedacht und in Maßen all die wunderbaren Produkte zu hegen, die unsere Gaumen verwöhnen? Warum kämpfen wir nicht noch mehr für artgerechte Tierhaltung und legen im Sommer lieber ein Stück weniger Fleisch auf den Grill, dafür ein gutes?  Warum muss in jedem Discounter alles vorhanden sein und das auch noch zum kleinst möglichen Preis?

Ja, lieber Christian Bärtsch, wir wissen, dass rund 2,5 Milliarden von Menschen bereits Insekten essen, die meisten allerdings, weil es für sie nichts anderes gibt.  Wir wissen auch, dass die kleinen Viecher in der Zucht wenig anspruchsvoll sind und reich an Eiweiß und dass wir Alternativen für unsere Verschwendung brauchen. Wir wissen auch, dass es Auszeichnungen für derartige Start-ups hagelt, weil Insekten uns ja alle retten können.

Im Grunde aber wünsche ich mir aber mehr gesunden Menschenverstand und mehr Sinn machende Reglementierungen seitens der Politik, denn deren Konzern-, Pharma- und Verbandshörigkeit raubt mir den Schlaf. – Gleiches wünsche ich mir von Verbrauchern, denn “billig” war noch nie eine gute Alternative.

Auf gar keinen Fall möchte ich, dass aus solchem Insekten-Spaß irgendwann Ernst wird.