Klösterliche Küche am Heiligen Berg Athos. Frauen haben keinen Zutritt.

Klösterliche Küche am Heiligen Berg Athos. Frauen haben keinen Zutritt.

Mal schnell hinreisen, das können Sie vergessen. Ohne einen Nachweis, in die freie Mönchsrepublik Athos pilgern zu wollen, kommen Sie nicht rein. Als Frau schon überhaupt nicht. So hatte Foodhunter-Autor Martin Swoboda Glück, in Griechenland bestens vernetzt zu sein und die “Monastic Cuisine” erleben zu dürfen, die klösterliche Küche des autonomen Mönchsstaates Athos. Lesen erlaubt – auch den Frauen. 

Autor Martin Swoboda, Fotos homolka

Alljährlich im Frühsommer steht die Region um Ouranoupolis, der letzten Stadt auf der Halbinsel Athos vor der für Weibsvolk und Pauschaltouristen unerreichbaren Mönchsrepublik, ganz im Zeichen der “Monastic Couisine”, der klösterlichen Küche.

Fürwahr nicht der schlechteste Vorwand, ans Ende der weltlichen Welt zu reisen, auch wenn der einst verschlafene Grenzort viel von seiner Unschuld eingebüßt hat und die letzten zehn Jahre wohl zu den ertragreichsten der lokalen Bauindustrie gehört haben dürften.

Athos, Fotos Martin Swoboda

Der Baumboom macht auch am Heiligen Berg nicht Halt.

Als Zeuge für die Entbehrungen des kargen, fleischlosen Mönchslebens am Athos ist Pater Epiphanios denkbar unglaubwürdig, dafür reicht alleine seine schiere Leibesfülle als Beweis für die Kochkünste seiner Bewohner. Es haben eben nicht nur die ansässigen Hoteliers und Tavernen-Betreiber neue Erwerbsquellen angeschlagen, auch die Mönche haben sich dem Markt angepasst. Dass ein ehrwürdiger Gottesmann seine Arbeitskraft in den Dienst weltlicher Unternehmungen stellt, wäre vor nicht all zu langer Zeit undenkbar und wohl auch ein Grund für die Vertreibung aus dem Paradies gewesen.

Vegetarier aus Mangel an Weiblichkeit

Vergeben und vergessen, Vater Epiphanios rüttelt bei unserer Ankunft im Hotel Eagles Palace schon längst an der riesigen Kasserolle die auf einem ausreichend dimensionierten Gasbrenner in der Wiese vor dem Restaurant brodelt, die Suppe darin ist so gut wie fertig, sie entspricht allen strengen Speisevorschriften der orthodoxen Bruderschaft.

Zuerst bedeutet das Vermeidung von Fleisch, was einer zwingenden Logik entspricht. Auf einem Landstrich, den keinerlei weibliches Lebewesen betreten darf, sind der Tierzucht enge Grenzen gesetzt, schon weit länger als ein Jahrtausend hat hier kein Fortpflanzungsprozess stattgefunden, zumindest, wenn man der offiziellen Geschichtsschreibung glauben mag. Das betrifft natürlich nur Geschlechtsakte von Warmblütlern, Schnecken dürfen auch hier vögeln und vice versa, dem Kahlfrass der unersättlichen Ziegen, welche die spärliche Flora der Ägäis mehr geprägt haben als alle osmanischen Strafaktionen inklusive Brandlegung hat man offensichtlich mit dieser Vorschrift effektiv einen Riegel vorgeschoben.

Athos, Moenchsrepublich, Fotos Martin Swoboda

Sicher hätten ihn die Mönche gerne behalten: hervorragend kochen kann er, Arbeit scheut er nicht und gut ausschauen tut er auch in der Kutte. Doch er ist wohlbehalten zurück: Foodhunter-Autor Martin Swoboda.

So genießen die Mönche auf der uneinnehmbaren Halbinsel ihr streng vegetarisches Dasein, außer den Rumänen, ihres ist das einzige der zwanzig Klöster, in dem ab und an eine Sau geschlachtet wird. Okay, die Griechen, Serben und Russen fangen und braten manchmal ein Fischlein, das kann ja qua natura gar nicht auf dem heiligen Land gewachsen sein, aber sonst: nicht mal Eier und Butter sowieso nicht. Selbst auf Olivenöl verzichten sie an den Fasttagen, und derer halten sie zweihundert. Bleiben hundertfünfundsechzig Tage für die Erhaltung der Körpermasse, die nutzen sie, wie man nicht nur am Beispiel von Mönch Epiphanios feststellen kann, weidlich um ihre Kochkünste zu perfektionieren.

Der “Erste” gibt den Löffel ab, wenn’s ihm nicht schmeckt 

Nach tausend Jahren Übung darf man ihnen Meisterschaft konzedieren, sie verstehen es vorzüglich, mit den vorhandenen Mitteln ausgesprochen wohlschmeckende Gerichte zu zaubern. Möglicherweise richten sich die Anweisungen für die Zutaten auch immer noch nach jenen Zeiten, als der Berg dicht besiedelt war, gespeist wird immer gemeinsam, und zwar nach den Vorgaben des Ersten, wie der Vorstand eines Klosters genannt wird. Wenn der satt ist, müssen alle Löffel ruhen, vielleicht haben deswegen die Küchenbrüder besonders schmackhafte Rezepte ausgetüftelt, wenn´s dem Ersten schmeckt haben die Brüder auch mehr Zeit, ihren Appetit zu stillen.

Wenn hier am Berg nicht alles spirituell ablaufen würde, fühlte man sich versucht, eine Reihe moderner Marketingbegriffen auf die monastischen Ernährungsgewohnheiten anzuwenden. Schnell kommt einem “Slow Food” in den Sinn, denn genau das ist die Klosterküche schließlich: altmodisch, manuell, ohne beschleunigende Technik; und natürlich “Kilometro Zero”!

Berg Athos, Fotos Martin Swoboda

“Slowfood” in der Mönchsrepublik Athos

Was in Italien der (vor-)letzte Schrei ist, hier kennt man nichts anderes. Regionale Produkte, kein weltlicher Einfluss soll das heilige Wässerchen trüben. Sämtliche Produkte stammen aus eigener Landwirtschaft: Gemüse, Früchte, gesammelte Kräuternund Wildpflanzen. Nicht zu vergessen die Früchte des Weinberges, der als Messwein auch außerhalb der Liturgie den Glauben, Physis und Stamina, sowie das Allgemeinbefinden ungemein stärkt. Wenigstens den kann man auch als ungläubiger Konsument überall erstehen.  Und natürlich den unvergleichlichen Honig (hier machen die gottesfürchtigen Genussmenschen mal eine vernünftige Ausnahme von ihrer Apartheid, ohne die Königin könnten sie von natürlicher Süße nur träumen). So aber genißsen sie die Früchte der Arbeit der letzten von Chemie und Gentechnik unbeeindruckten Bienen der westlichen Welt. Paradiesisch? Klingt so, allerdings vor dem Auftritt Evas, nicht jedermanns Sache, kulinarisch aber jedenfalls eine Sünde wert!

GUT ZU WISSEN:
Pilgervisum erforderlich. Generell kein Zutritt für Frauen

  • Die Athos-Küche ist von mediterranen Gepflogenheiten geprägt, erfährt durch die strengen Fastenregeln jedoch rigorose Einschränkungen.
  • Es wird generell auf Fleisch verzichtet.
  • Fisch und Meeresfrüchte werden vorwiegend an Feiertagen gereicht.
  • Hauptbestandteil der Mahlzeiten sind Gemüse, Kartoffeln, Oliven, Olivenöl und Obst.
  • Käse und Eier werden auf dem Athos nicht selbst erzeugt, da keine Viehzucht bzw. Milchwirtschaft betrieben wird.
  • Einzige Ausnahme ist die Imkerei. Brot und Konditoreierzeugnisse werden in einer Bäckerei in der Hauptstadt Karyes und in klostereigenen Backöfen erzeugt oder eingeführt.
  • Wein zum eigenen Verzehr wird meist selbst erzeugt und gekeltert und an Feiertagen zum Essen gereicht, gelegentlich auch exportiert.
  • Jedes Kloster ist eine Sehenswürdigkeit:  sehr alt, malerisch gestaltet,  individuell gebaut.
  • Die Anreise erfolgt per Schiff zu den Häfen in Ierissos und Ouranoupoli oder auf der Straße aus Richtung Stratoni.
  • Ohne einen Nachweis, dass man in die freie Mönchsrepublik Athos pilgern möchte, kommt man nicht rein.
  • Die Einreise setzt ein Pilgervisum voraus, das rechtzeitig  beantragt werden muss
  • Täglich werden nur hundert Pilger mit griechisch-orthodoxer Konfession und 15 Gäste aus anderen Glaubensrichtungen zugelassen.
  • Frauen haben in die Mönchsrepublik überhaupt keinen Zutritt.